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Toshiba„Wir waren schon immer dort, wo Technologie die Gesellschaft verändert.“

Mai 27, 2026 by Björn Eichstädt und Emily Bischof

Toshiba hat 2025 sein 150-jähriges Bestehen gefeiert und blickt auf eine gleichermaßen bewegte wie einflussreiche Geschichte zurück. Angefangen hat alles 1875 mit einer Fabrik für Telegrafie in Tokyo, aus der sich in wenigen Jahren ein fortschrittliches Unternehmen entwickelte, das sich auf die Entwicklung und Herstellung moderner elektrischer Maschinen und Technik spezialisierte. Dieses fusionierte 1939 mit einem weiteren, stärker verbraucherorientierten Elektronikunternehmen zu Tokyo Shibaura Electric (Toshiba). Heute ist das Unternehmen ein führender globaler Technologiekonzern mit rund 95.000 Mitarbeitenden. J-BIG sprach mit Peter Lieberwirth, President und CEO der Toshiba Electronics Europe GmbH (TEE), sowie seinen Kollegen Armin Derpmanns, Vice President Marketing & Operations, und Volker Schumann, Vice President Battery Division, über Toshibas Transformation vom Consumer-Electronics-Hersteller zum B2B-Technologiespezialisten, die Bedeutung des europäischen Marktes und die Zukunft in den Bereichen Leistungshalbleiter, Datenspeicherung und Hochleistungsbatterien.

J-BIG: Toshiba hat letztes Jahr sein 150-jähriges Jubiläum gefeiert. Wie begann diese lange Geschichte?

Peter Lieberwirth: 150 Jahre sind wirklich eine lange Zeit. 1875 gab es keine Glühbirne, kein Telefon und kein Automobil. Unsere Firmengeschichte reflektiert die radikalen Veränderungen, die unsere Welt in dieser Zeit geprägt haben und wir sind stolz darauf, an vielen Innovationen beteiligt gewesen zu sein.

Die Unternehmensgeschichte hat zwei Stränge. Der erste führt zu Hisashige Tanaka, der 1875 in Tokio eine Telegrafenwerkstatt gründete, die erste ihrer Art in Japan. Tanaka war ein außergewöhnlicher Erfinder, der später auch als „Edison Japans“ bezeichnet wurde. Sein Credo „Wir nehmen Aufträge für Erfindungen aller Art entgegen“ spiegelt sein außergewöhnliches Selbstbewusstsein und seine Innovationsbereitschaft wider. Sein Unternehmen, später in Shibaura Seisaku-shō umbenannt, wurde zu einem der größten Hersteller schwerer Elektrogeräte in Japan.

Der zweite Strang beginnt 1890 mit Ichisuke Fujioka, dem Gründer der Hakunetsu-sha Co., Ltd. Er war von der Idee besessen, elektrisches Licht für alle Menschen zugänglich zu machen. Fujioka war der Erste, der in Japan Glühbirnen produzierte, und aus seinem Unternehmen wurde 1899 Tokyo Denki (Tokyo Electric Co.). Diese beiden Linien – die industrielle Schwertechnik auf der einen und die verbraucherorientierte Elektronikinnovation auf der anderen Seite – sind bis heute die DNA von Toshiba.

Peter Lieberwirth (Mitte), Armin Derpmanns (links) und Volker Schumann (rechts) im Interview mit Björn Eichstädt. // Fotoserie: Maximilian von Lachner
J-BIG: Wann und warum kamen diese beiden Unternehmen zusammen, und wie entstand daraus eine Firma namens Toshiba?

Peter Lieberwirth: Die Fusion fand 1939 statt. Beide Unternehmen waren als Teil des Mitsui Zaibatsu eng miteinander verbunden, hielten gegenseitige Beteiligungen und kollaborierten bereits in verschiedenen Bereichen. Mit dem technologischen Fortschritt wuchs auch die Nachfrage nach Haushaltsgeräten, die die Errungenschaften der Schwertechnik in die Wohnzimmer der Menschen brachten. Die Zusammenführung beider Häuser zur Tokyo Shibaura Electric Co., Ltd. war damit strategisch folgerichtig.

Unser heutiger Name entstand aus diesem Vorgängernamen: „To“ aus Tokyo und „shiba“ aus Shibaura ergeben Toshiba. Als Handelsmarke war dieser Begriff bereits in den 1940er Jahren geläufig; offiziell wurde „Toshiba Corporation“ erst 1978 zum Firmennamen.

J-BIG: Toshiba war im Laufe seiner Geschichte immer wieder technologischer Vorreiter. Welche Meilensteine sind aus Ihrer Sicht besonders prägend?

Peter Lieberwirth: Es gibt eine ganze Reihe von Errungenschaften, auf die wir mit Recht stolz sind. Im Inland brachte Toshiba zunächst den ersten Radioempfänger nach Japan und produzierte in den frühen 1930er Jahren die ersten Waschmaschinen und Kühlschränke. 1941 baute Toshiba das damals größte Wasserkraftwerk der Welt. Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie unser Unternehmen sowohl im Bereich der Consumer Electronics als auch in der Industrie maßgeblich die Modernisierung Japans vorangetrieben hat.

Außerdem haben wir große Beiträge zur digitalen Revolution geleistet. Im Halbleiterbereich war 1984 die Entwicklung des ersten Megabit-DRAM ein wegweisender Schritt. Außerdem sind wir der Erfinder des NAND-Flash-Speichers, einer Datenspeichertechnologie, die unglaublich kleine und leistungsstarke Speichermodule ermöglicht. Auch der erste kommerziell verfügbare Laptop-PC stammt von Toshiba. Wir halten zudem den Rekord für die kleinste Festplatte der Welt, mit einem Formfaktor von 0,85 Zoll. Das fand sogar Anerkennung im Guinness-Buch der Rekorde.

Heute arbeiten wir an Technologien, die die Welt von morgen prägen werden. Das sind beispielsweise flexible Photovoltaikmodule mit höchsten Wirkungsgraden oder Quantenkommunikationstechnologie. Toshiba ist führend in der Quantum Key Distribution – der sicheren quantenverschlüsselten Übertragung. Da die heutigen Verschlüsselungsmechanismen künftigen Quantencomputern nicht standhalten werden, ist diese Forschung von immenser praktischer Relevanz.

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J-BIG: Für viele Menschen in Deutschland ist Toshiba noch immer primär als Hersteller von Computern und Fernsehern präsent. Wie erklären Sie den Weg, den das Unternehmen in den vergangenen Jahrzehnten genommen hat?

Peter Lieberwirth: Das Bild, das wir hier in Deutschland oder Europa von Toshiba aus den 1980er und 90er Jahren haben, ist zumindest unvollständig. Die großen B2B-Aktivitäten im Energie- und Infrastrukturbereich spielten sich damals primär in Japan und Asien ab und waren hier kaum sichtbar. In Europa hat man in dieser Zeit vor allem die starke Konsumgüterlinie mit unseren Laptops, Fernsehern und Videorekordern wahrgenommen.

Der Wandel weg von diesen Endprodukten kam aus zwei Richtungen. Erstens hat sich der globale Markt gewandelt. In den 1960ern, 70ern und 80ern wurde von Elektrogeräten eine hohe Lebensdauer erwartet. Innovationen traten damals nicht so hochfrequentiert auf wie es heute der Fall ist, und wir entwickelten hochqualitative Produkte, die den Kunden eine lange Zeit Freude bescheren sollten. Der gleiche Qualitätsstandard wäre heute sehr teuer und Wettbewerber aus Niedriglohnländern können Standardprodukte günstiger produzieren, weil niemand mehr erwartet, ein elektronisches Gerät ein Jahrzehnt oder länger zu benutzen. Zweitens haben sich die gesellschaftlichen Kernfragen verändert. In den 2000er Jahren rückten Themen wie Energieversorgung, Nachhaltigkeit und digitale Infrastruktur in den Vordergrund. Hier ist Toshibas Qualität heute gefragter als im Verbrauchermarkt. Qualität kostet und muss dort eingesetzt werden, wo sie wirklich notwendig ist.

Toshiba war schon immer an der Weiterentwicklung von Schlüsseltechnologien beteiligt, erklärt Armin Derpmanns.

Armin Derpmanns: Was Toshiba über lange Zeit und bis heute ausgezeichnet hat, ist die Fähigkeit, die zugrundeliegende Technologie konsequent weiterzuentwickeln. Die Frage war nie nur: Was verkaufen wir heute? Sondern: Wie machen wir die Endgeräte leistungsfähiger, kleiner, energieeffizienter? Diese Innovationstiefe zeigt sich beispielsweise darin, dass wir in den 1970er- bis 90er-Jahren, als Konsumgüterprodukte den Markt trieben, die Halbleitertechnologie maßgeblich vorangetrieben haben. Später haben wir das Gleiche im Bereich der Telekommunikation und in der Automobilbranche geleistet. Jetzt arbeiten wir an der Energiewende. Die Felder wechseln, unser Anspruch bleibt aber gleich.

J-BIG: Wie ist Toshiba heute denn als Unternehmen aufgestellt?

Peter Lieberwirth: Toshiba gliedert sich heute in drei Kerngeschäftsbereiche: Energy Solutions, Digital Infrastructure Solutions sowie Devices and Technology – letzterem gehören wir mit der Toshiba Electronics Europe GmbH an. Hinzu kommt Toshiba Tec, eine Firma die POS-Systeme und Drucklösungen entwickelt und deren Anteile mehrheitlich von Toshiba gehalten werden. Im Fiskaljahr 2024, das im März 2025 endete, erwirtschaftete der Konzern rund 3,5 Billionen Yen, umgerechnet etwa 23 Milliarden US-Dollar, und beschäftigte zum Stichtag 31. März 2025 rund 95.000 Mitarbeitende weltweit.

J-BIG: Lassen Sie uns noch einmal in die Vergangenheit schauen. Wie startete das Deutschlandgeschäft des Unternehmens?

Peter Lieberwirth: 1965 wurde in Düsseldorf ein Toshiba Information Office gegründet, zunächst als reines Marktverknüpfungsbüro. Toshiba hat 2025 somit nicht nur 150 Jahre Unternehmensgeschichte, sondern auch 60 Jahre Präsenz in Deutschland gefeiert. Vier Jahre später, 1969, folgte die Gründung der Toshiba Europe GmbH, kurz TEG, mit Sitz in Neuss. Das eigentliche operative Geschäft nahm dann mit dem PC-Geschäft ab 1984 richtig Fahrt auf. 1987 wurden zeitgleich zwei wichtige Weichen gestellt: Die Toshiba Electronics Europe GmbH – also wir – wurde als eigenständige Einheit mit Fokus auf Halbleiter aus der TEG ausgegründet, und in Regensburg entstand eine PC-Fabrik.

Die Belegschaftshöchststände lagen in der Hochzeit des PC- und Fernsehgeschäfts; damals zählte allein die TEG in Neuss mehrere Hundert Mitarbeitende. Heute sind TEE und TEG gemeinsam unter einem Dach in Düsseldorf, dem Hauptsitz für ihre jeweiligen Geschäftstätigkeiten in Europa.

Von hier verantwortet die Toshiba Electronics Europe GmbH das Geschäft mit elektronischen Komponenten in der EMEA-Region (Europa, Naher Osten und Afrika). Branch-Offices gibt es in Schweden, England, Frankreich, Italien und Spanien. Hier am Standort sind wir rund 150 Mitarbeitende. Ich selbst bin seit 1992 dabei, zunächst als Product Marketing Engineer, später unter anderem beim Aufbau des Automotive Semiconductor Business in Europa und als Vice President Marketing & Operations, seit Juli 2023 als President und CEO. Unsere drei Produktbereiche sind Festplattenlaufwerke (HDDs), Leistungshalbleiter und SCiB-Hochleistungsbatterien.

J-BIG: Im Festplattenbereich machen HDDs einen wichtigen Teil Ihres Geschäfts aus. Wie hat sich dieser Markt entwickelt, nachdem SSDs den PC-Markt verändert haben?

Peter Lieberwirth: Festplatten machen aktuell rund 60 Prozent unseres Geschäfts aus. Dieser Anteil ist stabil, obwohl sich der Markt grundlegend gewandelt hat. Der Verbrauchermarkt geht zurück, nicht zuletzt weil SSDs für Privatpersonen erschwinglicher geworden sind, macht aber noch etwa 40 Prozent unseres HDD-Geschäfts aus. Die rückläufige Nachfrage hier wird aber ausgeglichen durch die Nachfrage in Rechenzentren, in welche die globalen Hyperscaler Amazon, Google und Microsoft massiv investieren.

Wir sind besonders stolz, dass wir vor einiger Zeit kommunizieren konnten, die Plattenanzahl in einer HDD auf 12 erhöht zu haben, was uns 2027 eine Kapazität von 40 Terabyte je Laufwerk ermöglicht. Da der Energieverbrauch gleich bleibt, ist das auch ein wichtiger Beitrag zur Nachhaltigkeit in einer Zeit, in der der Energiehunger von KI-Infrastrukturen rasant steigt.

Peter Lieberwirth erzählt von den Anfängen der Toshiba Electronics Europe GmbH.
J-BIG: Welche Rolle spielt der Halbleiter Bereich für Toshiba Electronics Europe?

Armin Derpmanns: Leistungshalbleiter sind das Schlüsselbauelement überall dort, wo elektrische Energie effizient gesteuert und umgewandelt werden muss – in Windkraftanlagen, Solarwechselrichtern, Elektrofahrzeugen und Ladestationen, Industrieantrieben oder Rechenzentrumsinfrastruktur. Das ist sowohl unser Kerngeschäft als auch das Geschäft mit dem meisten Wachstum.

Technologisch unterscheiden wir drei Plattformen: Silizium als bewährte Basis sowie Siliziumkarbid und Galliumnitrid für Anwendungen mit höheren Spannungen, Temperaturen und Schaltgeschwindigkeiten. Toshiba hat in den letzten Jahren massiv in eine neue Fabrik im japanischen Kaga investiert, wo hochmoderne Low-Voltage-MOSFETs auf Siliziumbasis gefertigt werden. In Düsseldorf haben wir zudem ein Regenerative Innovation Center gegründet, das eng mit Japan zusammenarbeitet und zukünftige Technologieentwicklungen für den europäischen Markt vorantreibt. Das ist ein klares Signal: Europa bekommt damit direkten Einfluss auf die F&E-Agenda des Konzerns.

Dazu kommt unsere über 40-jährige Expertise in der Motorsteuerungselektronik. Überall dort, wo Motoren elektronisch geregelt werden müssen, sind unsere Bauteile präsent, egal ob in der Industrie, Haushaltstechnik oder im Automobil. Der erste Mikrocomputer für Automobilmotoren stellte Toshiba übrigens bereits in den 1970er Jahren her.

J-BIG: Der dritte Geschäftsbereich, die Batterien, ist vielleicht am wenigsten bekannt. Wie sehen die Aktivitäten von Toshiba in diesem Bereich aus?

Volker Schumann: Wir entwickeln und produzieren Lithium-Ionen-Batterien unter dem Markennamen SCiB – allerdings für einen Markt, der in den Medien nicht sonderlich präsent ist. Der große Batteriemarkt, also 80 bis 90 Prozent, entfällt auf Elektroautos, bei denen vor allem Reichweite zählt. Das ist nicht unser Zielmarkt. Wir bedienen sogenannte Heavy-Duty-Anwendungen: Bereiche, in denen Batterien sehr intensiv genutzt werden, extrem viele Ladezyklen überstehen müssen und häufig in sehr kurzer Zeit schnellgeladen werden müssen.

Ein gutes Beispiel sind Regionalzüge. In Deutschland fahren rund 3.000 Züge auf Strecken, die nur teilweise mit Oberleitungen ausgestattet sind – das entspricht jährlich 250 Millionen Diesel-Kilometern. Diese Züge haben feste Routen, definierte Haltezeiten und können aufgeladen werden, sobald sie wieder in Bereiche mit Oberleitung zurückkehren. Die Reichweite ist kein Problem; die Herausforderung ist eine Batterie, die bis zu 50.000 Ladezyklen über eine Betriebsdauer von 30 Jahren leistet. Genau das ermöglicht unsere Lithium-Titanoxid Technologie, kurz LTO. In Deutschland fahren bereits 100 bis 150 Regionalzüge mit diesen Batterien, und der Markt wächst schnell, da die gesamte Dieselflotte in den nächsten Jahren ersetzt werden muss.

Volker Schumann spricht über Toshibas Geschäft mit SCiB-Hochleistungsbatterien, die für den Einsatz in Heavy-Duty-Anwendungen konzipiert sind.

Eine ähnliche Logik gilt für die Schifffahrt, insbesondere in Skandinavien, wo Norwegen als Pionier vorangegangen ist, sowie für autonome mobile Roboter in der Lagerlogistik. Alle diesen Anwendungen haben wichtige Anforderungen gemeinsam. Sie benötigen Batterien, die wenig Platz brauchen, viele Ladezyklen überleben und eine hohe Zuverlässigkeit besitzen. In Japan wiederum ist der größte Markt für diese Batterien derzeit der Mild-Hybrid-Bereich in der Automobilindustrie, wo die LTO-Technologie ebenfalls klare Vorteile bietet.

J-BIG: In den letzten Jahren konnte man einiges über die Reprivatisierung von Toshiba lesen. Das Unternehmen wurde 2023 von der Börse genommen. Was hat sich seitdem verändert?

Peter Lieberwirth: Dieser Schritt war das Ergebnis einer schwierigen Phase. Toshiba befand sich ab 2015 durch Investitionen im Nuklearbereich – konkret die Akquisition von Westinghouse – in einer erheblichen finanzielle Schieflage. Das führte zu einer Anteilseignerstruktur, die eine konsistente strategische Linie erschwerte. 2023 entschied man sich zur Privatisierung und nutzte diesen Schritt für eine grundlegende Neuausrichtung.

Das Management analysierte alle Geschäftsbereiche konsequent: Vielversprechende Bereiche wurden gestärkt, Bereiche mit Potential wurden saniert und von einigen Bereichen trennte man sich. Das Ziel des aktuellen Business Plans bis 2026 ist klar definiert: einen Return on Sales von 10 Prozent zu erreichen. Nach den ersten anderthalb Jahren liegen wir genau auf Kurs. Wir haben jetzt eine klare Führung mit klaren Zielen, was uns erlaubt Investitionen mit viel mehr Intention zu tätigen.

Volker Schumann: Als jemand, der die 1990er Jahre als Mitarbeiter erlebt hat, sehe ich einen fundamentalen Unterschied. Damals beschäftigten wir 200.000 bis 250.000 Menschen, das Unternehmen war ein Koloss, was einiges an Schwerfälligkeit mit sich brachte. Der Wandel war schmerzhaft, aber sein positiver Effekt ist nicht zu unterschätzen: Wir sind heute schlanker, schneller, entscheidungsfreudiger. Man hatte früher tendenziell zu lange an manchen Dingen festgehalten, was verständlich ist, aber Innovationen gebremst hat. Heute ist das anders.

J-BIG: Gibt es ein konkretes Beispiel, wie man hier in Deutschland die Veränderung des Unternehmens spürt?

Peter Lieberwirth: Was mich und viele meiner Kollegen beeindruckt hat, ist, dass unser globaler CEO Taro Shimada zu uns nach Düsseldorf gekommen ist, um Townhall-Meetings zu halten und teilweise auf Deutsch mit uns gesprochen hat. Er war früher bei Siemens und spricht perfektes Deutsch. Er hat uns ermutig Fragen zu stellen und unsere eigenen Eindrücke zu teilen. Das steht exemplarisch für etwas Größeres: Toshiba denkt heute als integriertes Unternehmen, nicht als Summe isolierter Einheiten. Früher wusste in der Halbleiterabteilung kaum jemand, was im Energiebereich des Konzerns passiert. Das hat sich grundlegend geändert. Das Unternehmen ist viel transparenter geworden.

J-BIG: Wie funktioniert die tägliche Zusammenarbeit zwischen Ihrer Einheit in Europa und dem Headquarter in Tokyo?

Peter Lieberwirth: Der Austausch findet auf vielen Ebenen statt. Regelmäßig kommen Top-Manager aus Japan nach Europa, um direkt mit Kunden zu sprechen und das europaspezifische Marktumfeld zu erleben. Gleichzeitig besuchen Kunden die Werke in Japan. Zusätzlich haben wir mehrere Expats aus Japan in unserem Düsseldorfer Team, die dabei helfen, die japanische Organisation zu navigieren und als Brücke zwischen den Kulturen zu fungieren.

Insgesamt hat die Zusammenarbeit an Qualität gewonnen. Dank digitaler Kommunikationstools sind wir näher zusammengerückt. Wir chatten auf allen Ebenen, unabhängig ob jemand nebenan sitzt oder in Tokyo arbeitet. Die Corona-Pandemie hat diesen Digitalisierungssprung in Japan massiv beschleunigt, wo Homeoffice vorher kaum eine Rolle spielte.

Der globale CEO ist für Townhall-Meetings nach Düsseldorf gekommen – Björn Eichstädt möchte mehr über die Beziehung zwischen der deutschen Niederlassung und der japanischen Zentrale erfahren.

Volker Schumann: Der gefühlte Abstand hat sich in den letzten Jahren wirklich deutlich verkleinert. Was vor zehn Jahren noch ein großes Gefälle in Arbeitsweisen und Kommunikationsstil war, ist enger zusammengewachsen. Es wird auf allen Ebenen offen kommuniziert, und die sprachliche Kompetenz auf japanischer Seite hat stark zugenommen. Immer mehr Kollegen sprechen exzellentes Englisch.

J-BIG: Wo liegen heute noch die größten Herausforderungen im japanisch-europäischen Austausch?

Peter Lieberwirth: Trotz aller Annäherung bleibt der Zeitunterschied eine tägliche Herausforderung. Darüber hinaus gibt es kulturelle Nuancen, die man nicht unterschlagen sollte. Deutsche und Japaner haben zwar viele Ähnlichkeiten – Präzision, Qualitätsbewusstsein, Langfristdenken – aber der Kommunikationsstil, der Umgang mit Hierarchie und die Entscheidungsprozesse sind verschieden.

Eine konkrete Herausforderung: Es reicht nicht, eine Marktchance in Europa einmal zu präsentieren. Man muss Kundenbedürfnisse, Marktdynamiken und Risikoabwägungen wiederholt und aus verschiedenen Perspektiven vermitteln, bevor eine Investitionsentscheidung in Japan getroffen wird. Das erfordert Geduld und ein tiefes Verständnis für japanische Entscheidungsprozesse.

Armin Derpmanns: Dabei hilft es immens, wenn man persönlich vor Ort ist. Es gibt Dinge, die man nur versteht, wenn man in einem Land lebt. Die Expat-Erfahrung ist aus diesem Grund nach wie vor extrem wertvoll, weil sie das gegenseitige Verständnis auf eine ganz andere Tiefe hebt.

Die japanische Zentrale und Toshiba Electronics Europe sind enger zusammengewachsen.
J-BIG: Wie sieht die Zukunft bei Toshiba aus?

Armin Derpmanns: Unser CEO Taro Shimada hat zwei strategische Transformationen formuliert, die Toshibas Zukunft bestimmen sollen. Das sind die digitale Transformation und die Green Transformation, kurz DX und GX. Das sind keine Marketing-Begriffe, sondern direkte Leitplanken unserer Produktstrategie. Ob Leistungshalbleiter für erneuerbare Energien, Festplatten für KI-Infrastruktur oder Hochleistungsbatterien für den emissionsfreien Zugverkehr: Wir entwickeln die Technologien, ohne die Energiewende und Digitalisierung schlicht nicht funktionieren.

Ein Beispiel hierfür ist eine wirklich spannende neue Technologieinnovation an der Toshiba arbeitet: Power-to-Chemical, kurz P2C. Dabei geht es darum, CO₂ aus der Atmosphäre zu extrahieren und daraus Kohlenstoffmaterial zu synthetisieren, das für andere industrielle Zwecke wiederverwendet werden kann. Nachhaltigkeit ist bei uns wirklich das Geschäftsmodell der Zukunft und nicht bloß eine Kommunikationsmaßnahme.

Peter Lieberwirth: Schaut man auf unsere heutigen Produkte – Energieversorgung, Datenspeicher, Leistungshalbleiter – dann liegt zwischen der Telegrafentechnik von 1875 und den heutigen Leistungshalbleitern für Windkraftanlagen eine direkte Linie. Es geht um Energie, um deren Erzeugung, Übertragung und effiziente Nutzung. Von der Glühbirne bis zum Quantencomputer – Toshiba war immer dort, wo Technologie die Gesellschaft verändert. Was sich mit der Zeit wandelt, sind die Technologien und die Dimensionen, nicht aber unsere Mission als Unternehmen.

Die digitale Transformation und die Green Transformation sind die prägenden Leitplanken der künftigen Produktstrategie.
J-BIG: Zum Abschluss: Wo sehen Sie Toshiba in drei bis fünf Jahren?

Peter Lieberwirth: Ich möchte, dass Toshiba in Europa sowohl für seine Technologie als auch für seine Zusammenarbeit mit Kunden und Partnern bekannter wird. Wir verfügen über ein breites technologisches Portfolio, mit dem sich viele europäische Bedürfnisse in den Bereichen Energiewende, Digitalisierung und Datensouveränität erfüllen lassen. Das müssen wir stärker sichtbar machen – als verlässlicher, strategisch bedeutsamer Partner im europäischen Markt.

Um dieses Ziel zu erreichen, investieren wir in unsere Kompetenzen, konzentrieren uns auf die Märkte mit dem größten Potenzial und fördern Talente, die sich mit Technologie auskennen und den Kundennutzen im Blick haben. Wenn wir damit erfolgreich sind, wird Toshiba als Unternehmen wahrgenommen, mit dem die Zusammenarbeit leichtfällt, das technische Exzellenz in den Mittelpunkt stellt und langfristig orientiert ist.

Armin Derpmanns: Ich ergänze das um den Qualitätsaspekt: In einem Markt, der durch Kostenwettbewerb und immer neue Anbieter geprägt ist, möchten wir unsere Position als Lieferant ausbauen, dem die Kunden bei den wirklich entscheidenden Systemen vertrauen.

Volker Schumann: Für uns im Battery-Bereich geht es darum, mit unserer Technologie die Energiewende konkret voranzutreiben. Emissionsfreie Regionalzügen, hybride Fähren und stabile Energienetze sind keine abstrakten Unternehmensziele, sondern Produkte und Leistungen, die unser Leben in Zukunft besser machen werden. Den Grundstein haben wir im Schwarzwald und in Schleswig-Holstein schon gelegt, wo die Züge mit unseren Batterien emissionsfrei fahren. Das wollen wir in ganz Deutschland umsetzen. Als Teil einer größeren Toshiba Mission.

Als strategisch bedeutsamer Partner im europäischen Markt möchte Toshiba Electronics Europe Technologieninnovationen für die Energiewende und Digitalisierung vorantreiben.
 

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