Mitsui & Co. ist eines der weltweit größten und diversifiziertesten Handels-, Investment- und Dienstleistungsunternehmen mit einer langen Geschichte. Das Traditionsunternehmen, das bereits 1899 als erstes japanisches Handelshaus nach Deutschland kam, hat sich von einem reinen Handelsunternehmen zu einem globalen Investmentkonzern entwickelt, der eine Vielzahl an Unternehmen unter seinem Dach vereint und in Bereichen von Rohstoffen bis hin zu zukunftsweisenden Nachhaltigkeitstechnologien aktiv ist. J-BIG sprach mit Georg Büllesbach, Geschäftsführer der Mitsui & Co. Deutschland GmbH, über die bewegte Geschichte seines Unternehmens, die heutige Geschäftsstrategie mit 16 Geschäftseinheiten, die Rolle der deutschen Niederlassung und die Zukunftspläne in den Bereichen Nachhaltigkeit und Energiewende.
J-BIG: Die Ursprünge von Mitsui & Co. reichen viele hundert Jahre zurück. Wie hat diese außergewöhnliche Unternehmensgeschichte angefangen?
Georg Büllesbach: Es gibt zahlreiche Geschichten um die Anfänge von Mitsui. Eine davon besagt, dass ein Samurai auf seinem Land spazieren ging und an drei Quellen vorbeikam. In einer der Quellen fand er einen Schatz, woraufhin er sich Mitsui genannt hat, weil Mitsui übersetzt „drei Quellen“ heißt. Das sollen die mythischen Ursprünge der Familie Mitsui sein.
Die historischen Tatsachen beginnen Anfang des 17. Jahrhunderts in Matsusaka, in der heutigen Präfektur Mie. Die Mitsui waren ursprünglich eine Samurai-Familie, die ihren Titel nach einer Niederlage gegen Oda Nobunaga aufgegeben hatten und umgesiedelt waren. Unter Takatoshi Mitsui, der 1622 geboren wurde, entwickelten sich die Mitsui zu einer erfolgreichen Händlerfamilie. Er reiste nach Edo, dem heutigen Tokyo, und eröffnete dort ein Textilgeschäft namens „Echigoya“, das Seide für Kimono verkaufte.
Textilgeschäfte verkauften ihre Ware traditionell nicht direkt im Geschäft. Sie besuchten Kunden zu Hause, nahmen Bestellungen auf Rechnung entgegen und lieferten die Produkte nach Hause. Das Besondere an Takatoshis eigentlich nicht so ungewöhnlichem Geschäft war, dass er innovative und flexible Verkaufsmethoden einführte: „Barzahlung zu Festpreisen“ oder den Verkauf von Produkten pro Stück statt in großen Mengen. Dadurch wuchs Echigoya zum größten Textilgeschäft der Edo-Zeit heran – das Geschäft ist übrigens der Vorläufer des heutigen Isetan Mitsukoshi Ltd., einem der größten japanischen Kaufhäuser. Durch den Verkauf der Stoffe gegen Bargeld konnte die Familie Mitsui außerdem ihre Steuerabgaben an das Shogunat nicht von Matsusaka aus in Form von Gütern, sondern direkt in Edo mit Bargeld begleichen. Durch diese Finanzelemente konnte Takatoshi ein Geldwechselgeschäft aufbauen, das sich später zur heutigen Sumitomo Mitsui Banking Corporation entwickelt hat. Der Erfolg in verschiedenen Geschäftszweigen führte schließlich zum Aufstieg der Mitsui-Gruppe.

J-BIG: Wann begann die internationale Expansion von Mitsui?
Georg Büllesbach: Der entscheidende Wendepunkt kam im 19. Jahrhundert. Auf Reisen nach Europa, nach der Öffnung Japans, erkannten die Mitsui, dass der Wohlstand durch die Industrialisierung in Europa deutlich höher war als in Japan. Nach der Meiji-Restauration hatte Japan das klare Ziel, zu den großen Wirtschaftsmächten, den USA und Europa, aufzuschließen und sie auch zu überholen.
1876 wurde das historische Handelsunternehmen Mitsui & Co., beziehungsweise Mitsui Bussan auf Japanisch, mit zunächst nur 16 Mitarbeitern gegründet. Unter Takashi Masuda, dem ersten Präsidenten, der fließend Englisch sprach, begann man systematisch mit dem Ausland Geschäfte zu machen. Man eröffnete zunächst Niederlassungen in Shanghai, Paris, Hongkong, New York und London. Die damalige Mitsui & Co. wurde schnell zu einem dominierenden Akteur im japanischen Export von Seidenstoffen, Kohle und Reis, aber vor allem im Import von Industriemaschinen aus Europa.
Kostenfrei abonnieren
„J-BIG – Japan Business in Germany“ ist das E-Mail-Magazin rund um die Aktivitäten japanischer Unternehmen im deutschen Markt. Registrieren Sie sich kostenfrei!
Im 19. Jahrhundert erlebte die Baumwollspinnerei in Japan ein rasantes Wachstum. Die ehemalige Mitsui & Co. trug durch den Import von vielen Webstühlen maßgeblich zur Stärkung der Branche bei. Wir unterstützten damals zum Beispiel auch den Erfinder Sakichi Toyoda, der eine Firma für Webstühle gegründet hatte und den Grundstein für die heutige Toyota Motor Corporation legte.
Durch die erfolgreiche Entwicklung dieser Geschäftsbereiche erzielte das Unternehmen 1909 einen Anteil von 25,9 Prozent an den Exporten und 22,8 Prozent an den Importen Japans.
J-BIG: Wie kam Mitsui nach Deutschland?
Georg Büllesbach: Die Geschichte der ehemaligen Mitsui & Co. in Deutschland begann bereits 1899, als Sadaichiro Takemura, der erste Repräsentant der historischen Mitsui & Co., ein Büro in Hamburg eröffnete. Damit waren wir das erste japanische Handelshaus, das nach Deutschland gekommen ist. Hamburg wurde als Standort gewählt, weil man durch den Hafen damals sehr viele Handelsströme im Zugriff hatte.
In Deutschland wurden dann auch einige wichtige Technologien eingekauft, zum Beispiel für den Schiffsbau. Es gab eine Werft in Japan, für die 1924 die ehemalige Mitsui & Co. den ersten Dieselmotor bei MAN gekauft hat. Durch diese Technologieaneignungen ist die historische Mitsui & Co. bis zum Zweiten Weltkrieg kontinuierlich gewachsen und war eines der großen Zaibatsu, der damaligen mächtigen Firmenkonglomerate in Japan.
Die heutige Mitsui & Co. Deutschland GmbH wurde dann 1954 in Hamburg offiziell neu gegründet. Bereits 1955 wurde eine Niederlassung in Düsseldorf eröffnet, und wir waren damit eines der ersten japanischen Unternehmen, die sich in Düsseldorf niederließen und den späteren Japan-Boom des Standorts mit gestartet haben. 1962 wurde der Hauptsitz von Hamburg nach Düsseldorf verlegt, weil Düsseldorf mit dem umgebenden Ruhrgebiet ein starkes Stahlgeschäft hatte und der Mittelpunkt der Nachkriegsindustrie in Deutschland war.

J-BIG: Sie sprechen von der ehemaligen und der heutigen Mitsui & Co. – das deutet auf einen Bruch in der Unternehmensgeschichte hin?
Georg Büllesbach: Das ist richtig und ein wichtiger Punkt in unserer Geschichte. Die damalige Mitsui & Co. hat in rechtlicher Hinsicht keine Verbindung zu der heutigen Mitsui & Co., denn die Mitsui Gruppe wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von den amerikanischen Besatzungsmächten, wie die anderen Zaibatsu auch, zerschlagen – und zwar in 220 Einzelteile, um zu große konzentrierte Machtstrukturen aufzubrechen.
Zuvor besaß die ehemalige Mitsui & Co. ein großes Minengeschäft, Werften, Stahlwerke und viele Produktionsstätten, die alle aufgelöst wurden. Die Mitsui-Gruppe reorganisierte sich in den 1950er Jahren als horizontaler Zusammenschluss unabhängiger Unternehmen verschiedener Branchen, nachdem die Besatzung Japans zum Ende kam.
Die heutige Mitsui & Co. entstand durch Fusionen von mehreren Firmen, die nach der Auflösung entstanden waren. Diese schlossen sich 1947 zur Daiichi Bussan Kaisha, Ltd. zusammen. 1959 fusionierte diese mit anderen Handelsunternehmen und änderte ihren Namen in Mitsui & Co., Ltd. Man setzte zunächst komplett auf den Handel und hatte keine eigene Produktion, kaufte sich dann aber schnell wieder Produktionen dazu.

J-BIG: Wodurch konnte sich Mitsui & Co. nach dem Krieg so erfolgreich und schnell wieder als eines der führenden japanischen Handelshäuser re-etablieren?
Georg Büllesbach: Dadurch, dass Mitsui & Co. schon vor dem Krieg sehr international aufgestellt gewesen war, hatte das Unternehmen den entscheidenden Vorteil der Expertise über ausländische Märkte und Sprachkenntnisse. In Japan waren gute Englischkenntnisse lange noch eine Seltenheit, und die japanischen Produzenten hatten aufgrund der mangelnden Sprachfähigkeiten keinen Einblick in das Weltgeschehen. Durch sein Netzwerk an Auslandsniederlassungen und die guten Englischkenntnisse vieler Mitarbeiter konnte sich Mitsui früh wieder eine starke Position aufbauen.
Generell war Mitsui & Co. stets auf die globale Entwicklung ausgerichtet. Wir hatten beispielsweise auch schon in den 1970er Jahren ein weltumspannendes Telex-Netz, mit dem wir sehr schnell Informationen austauschen konnten, und hatten dadurch immer einen Wettbewerbsvorteil. Mitsui & Co. hat in vielen Bereichen eine Vordenker- und Pionierrolle eingenommen. Wir waren zum Beispiel die ersten, die in den 1970er Jahren in Abu Dhabi das Potenzial der großen Gasvorkommen für die japanische Wirtschaft erkannt haben. Wir haben dann den Vorschlag gemacht, Flüssiggas nach Japan zu bringen. Für die japanische Stahlindustrie, die damals nur begrenzt Investitionen im Ausland tätigte, investierten wir in Eisenerz-Bergwerke. Im Laufe der Zeit hat sich dies als ausgezeichnete Geschäftsentscheidung erwiesen.
J-BIG: Mit dem Aufkommen des Internets verloren Handelshäuser ihren Informationsvorsprung. Wie hat sich Ihr Geschäftsmodell seitdem verändert?
Georg Büllesbach: Wir mussten unser Geschäftsmodell natürlich stark anpassen und in neuen Bereichen unsere Stärken präsentieren. Jedoch haben wir das nicht als Krise empfunden. Unsere Philosophie lautet „Herausforderung und Innovation“ – ein Grundsatz, der über unsere gesamte Geschichte hinweg unser Handeln bestimmt. Wir glauben, dass die Menschen, die für uns arbeiten, die notwendige kreative Neugierde mitbringen, um Neues zu entwickeln.
Die Pionier- und Vordenkerrolle haben wir seit unseren Anfängen beibehalten, und wir bringen noch immer durch unsere umfassende Handelsexpertise in zahlreichen Branchen einen starken Marktvorteil mit. Von der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute hat sich Mitsui & Co. sehr stark vom reinen Handel hin zu strategischen Investitionen orientiert. In unserer Zentrale in Tokyo sind viele Handelsaktivitäten ausgelagert worden – beispielsweise in die Mitsui Bussan Chemicals Co., Ltd. oder die Mitsui & Co. Steel Ltd. Das Geschäft von Mitsui & Co. konzentriert sich heute neben dem Handel auf Wachstum durch Investitionen und Portfoliomanagement sowie auf die Entwicklung neuer Projekte.

J-BIG: Können Sie uns an einem konkreten Beispiel erklären, wie die Handelstätigkeiten von Mitsui & Co. heute funktionieren?
Georg Büllesbach: Unsere Tätigkeiten beginnen immer mit dem Identifizieren neuer Marktbedürfnisse. Wir bauen dann nach und nach unseren Handel auf, gewinnen so an Expertise und investieren dann in angrenzende Bereiche, in denen wir Potenzial sehen. Unser Ziel ist es, branchenübergreifende Business-Cluster aufzubauen und durch diese maßgeschneiderte Lösungen für gesellschaftliche Bedürfnisse und Probleme anzubieten.
Nehmen wir zum Beispiel Methanol, ein organischer Alkohol, der in sehr vielen Bereichen gebraucht wird. Unser Unternehmen handelt schon lange weltweit mit Methanol und kennt dementsprechend gut den Markt, die Lieferanten und Kunden. Innerhalb der Mitsui & Co. gibt es eine Methanol-Abteilung, die in Zusammenarbeit mit Büros weltweit – in Houston, Singapur, Düsseldorf oder Brüssel – den Methanol-Handel betreibt.
Nachdem das Geschäft ein gewisses Volumen erreicht hatte, ergriffen wir eine Investitionsmöglichkeit in Saudi-Arabien und in den USA in Texas, denn dort gibt es billiges Gas, den Hauptrohstoff. Durch die Investition haben wir eine eigene Produktion aufgebaut und konnten dadurch unser Geschäft entsprechend erweitern. Die nächste Phase unserer Tätigkeiten: Wenn sich unsere Kunden für ein bestimmtes Produkt oder eine neue Technologie interessieren, sind wir häufig der richtige Ansprechpartner. So hat uns beispielsweise Maersk, ein dänischer Transport- und Logistikkonzern, gebeten, Investitionen in grünes Methanol zu prüfen. Wir haben ein dänisches Unternehmen namens European Energy gefunden, das ein solarbetriebenes E-Methanol-Projekt auf dem europäischen Markt entwickelt. Wir investierten in dieses Projekt und können dadurch jetzt grünes Methanol auf dem Markt anbieten.

J-BIG: Wie groß ist Mitsui & Co. heute in Kennzahlen – weltweit und speziell in Deutschland?
Georg Büllesbach: Neben dem Hauptsitz in Tokyo unterhält Mitsui ein globales Netzwerk von 124 Büros in 62 Ländern und Regionen. Wir machen ungefähr 100 Milliarden US-Dollar Umsatz und beschäftigen insgesamt rund 5.400 Mitarbeiter in unserer Zentrale und den Handelsniederlassungen weltweit – im gesamten Konzern sind es 56.400. Hier in Europa haben wir 14 Büros in 13 Ländern auf Ebene der Handelsniederlassungen und beschäftigen rund 450 Mitarbeiter.
Die Deutschland GmbH hat neben ihrem Hauptsitz in Düsseldorf noch zwei Niederlassungen und ein Repräsentanzbüro in Zentral-Osteuropa. Unser Jahresumsatz liegt bei circa 800 Millionen Euro, und wir beschäftigen 165 Mitarbeiter, davon 145 in Düsseldorf. Mitsui & Co. Deutschland GmbH ist ein wichtiger und großer Teil der Firmengruppe Mitsui & Co. Europe Ltd. Wir gehören zum Geschäftsbereich des „Europe Bloc“ mit Hauptsitz in London, einem der regionalen Geschäftsbereiche von Mitsui & Co., Ltd.

J-BIG: Welche Geschäftsbereiche stehen heute im Fokus von Mitsui & Co.?
Georg Büllesbach: Die Bereiche, in denen wir aktiv sind, sind vielschichtig. Wir haben 16 Geschäftseinheiten, von denen manche traditioneller und andere neuer sind. Aber für alle sind wir stets dabei, die Zukunftspotentiale zu erkennen und neue Felder zu erschließen. Die 16 Geschäftseinheiten lassen sich sieben Überkategorien zuordnen: Mineral & Metal Resources, Machinery & Infrastructure, Iron & Steel Products, Innovation & Corporate Development, Energy, Chemicals und Lifestyle.
Die Iron & Steel Products Business Unit ist Teil unseres Traditionsgeschäfts und macht auch heute noch einen großen Teil unseres Geschäfts aus. In den letzten Jahren ist zum Beispiel die Dekarbonisierung ein großes Thema. Von sowohl europäischer als auch deutscher Seite sind wir stark im Bereich Electrical Steel aufgestellt.
Unser Energiegeschäft umfasst vier spezialisierte Geschäftsbereiche und ist ein wichtiger Schwerpunkt. Die Energy Business Unit I konzentriert sich vor allem auf Öl und die Energy Business Unit II auf LNG (Flüssigerdgas). Der Geschäftsbereich Infrastrukturprojekte konzentriert sich auf unsere Stromerzeugungsprojekte und hat kürzlich sein Ziel von 30 Prozent erneuerbaren Energien aus Wind, Wasser und Sonne vor dem ursprünglich geplanten Termin 2030 erreicht. Darüber hinaus hat sich Mitsui & Co. das Ziel gesetzt, bis 2050 klimaneutral zu werden, mit dem Zwischenziel, unsere Treibhausgasemissionen bis 2035 (im Vergleich zu 2020) zu halbieren. Dies hat zur Gründung des Geschäftsbereichs Energy Solutions geführt, über den wir verstärkt in Bereiche wie Kohlenstofflösungen, Wasserstoff und Kraftstoffe der nächsten Generation investieren.
Wir haben auch einen großen Mobilitätsbereich. Die Mobility Business Unit I beschäftigt sich vor allem mit Automobil, Maschinen für die Bau- und Bergbauindustrie und dem Eisenbahnsektor. Für Marine, Luftfahrt und Raumfahrt ist die Mobility Business Unit II zuständig. Wir sind zum Beispiel im Schiffsvertrieb sehr aktiv und lassen rund 120 Schiffe im Jahr bauen und verkaufen diese.
Durch das Basic Materials Business, das sich mit der Petrochemie, wie mit Methanol und Ammoniak, befasst, sind wir in allen großen Engineering-Plastics tätig und handeln mit den Rohstoffen der Kunststoffe, die beispielsweise in Handys oder Waschmaschinen verbaut sind. Das Basic Materials Business ist ein Bereich, der bei uns komplett global ausgerichtet ist und in dem, im Gegensatz zu anderen Geschäftseinheiten, der Fokus nach wie vor hauptsächlich auf Handel statt auf Investitionen liegt.
Daneben gibt es das Wellness Business, durch das wir in Krankenhäuser in Asien, in die Pharmadistribution und die Entwicklung von Big Data investieren. Weitere Geschäftseinheiten sind beispielsweise das Food Business, das IT & Communication Business oder das Infrastructure Projects Business.

J-BIG: Auf welchen Bereichen liegt der Fokus in Deutschland?
Georg Büllesbach: Anfänglich haben wir stark mit Chemikalien gehandelt, dann kamen PVC-Rohstoffe hinzu, und auch das Maschinengeschäft wuchs. Im Bereich Mobilität waren wir damals zum Beispiel Hauptimporteur für alle Yamaha-Motorräder und Subaru-Autos. Wir unterstützten auch Elektronikhersteller durch den Handel mit Produkten wie Nintendo-Spielen und Toshiba-Elektronik. Im Laufe der Zeit, als diese Unternehmen ihre eigenen Aktivitäten in Deutschland ausweiteten, übernahmen sie nach und nach den lokalen Vertrieb selbst, was ihre wachsende Präsenz und Leistungsfähigkeit auf dem Markt widerspiegelte. Heute reichen unsere wichtigsten Geschäftsbereiche von Chemikalien und Kunststoffen über Stahl bis hin zu Infrastrukturprojekten, Energy Solutions und Mobilität. Da der europäische Markt und speziell Deutschland im Bereich der Nachhaltigkeit schon weit entwickelt ist, nimmt die Mitsui & Co. Deutschland GmbH eine bedeutende Funktion für die Weiterentwicklung dieser Themen ein.
J-BIG: Wie ist das Unternehmen bei einem so umfassenden Geschäftsportfolio organisiert?
Georg Büllesbach: Die einzelnen Geschäftsberieche im Europablock berichten direkt an die Zentrale in Tokyo. Die Budgetverantwortung liegt in Tokyo. Die Zentrale gibt für das Geschäftsjahr oder für längere Zeiträume gewisse Themen und Ziele vor, zum Beispiel Energy Transition. Es werden klare Zielsetzungen, in Form von Ein- und Dreijahresplänen, sowie langfristigen Zukunftsvisionen formuliert. Die Business Units kümmern sich dann um die konkrete Umsetzung.
Trotzdem hat unser Unternehmen traditionell einen starken Zusammenhalt bewahrt, insbesondere bei der gemeinsamen Entwicklung neuer Geschäftsfelder und der Verknüpfung unterschiedlicher Branchen. Unserem CEO ist eine konkrete Vision für die Zukunft wichtig, denn durch die Planung der nächsten zehn Jahre – einem gemeinsamen Horizont –, wird das ganze Unternehmen zusammengebracht.
Als Teil der Unternehmensorganisation von Mitsui & Co. bin ich für die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Geschäftsbereichen verantwortlich und identifiziere Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit zwischen ihnen. Wir schauen auf die Geschäftsentwicklung insgesamt und überlegen, welche von unseren Geschäftsbereichen wir entsprechend verbinden können. Bei unseren Investitionen denken wir in Clustern. Wir schauen, welche Bereiche zu unserem Geschäft passen, wie wir wachsen und gleichzeitig einen Mehrwert für die Gesellschaft schaffen können. Der Handel bildet die Grundlage für unsere Investitionen und gibt uns die notwendigen Einblicke: Wie sicher ist unsere Investition, kennen wir uns in diesen Märkten aus, kennen wir die Spieler?

J-BIG: Welche strategischen Ziele verfolgt Mitsui & Co. Deutschland für die kommenden Jahre?
Georg Büllesbach: Unsere Zielsetzungen lassen sich in verschiedene Kategorien einteilen. Einerseits betrachten wir die geopolitische Situation und überlegen, welche Rolle wir einnehmen möchten. Andererseits betrachten wir mögliche Partnerschaften: Mit wem wollen wir verstärkt zusammenarbeiten? Wer sind die großen Firmen in Deutschland, die etwas bewegen können? Ein weiteres großes Thema ist natürlich Personal – wie wollen wir unser Personal entwickeln und welches Personal brauchen wir in zehn Jahren?
Was die Geschäftsfelder angeht, war für Europa lange Zeit das dominierende Ziel die Nachhaltigkeit. Die ursprüngliche Begeisterung hat sich zwar etwas gelegt, denn mit dem Näherkommen der Commitments 2030 hinterfragen die Unternehmen stärker, was realistisch zu erreichen ist. Aber das Thema Nachhaltigkeit wächst kontinuierlich und bleibt gerade in Deutschland ein großer Wettbewerbsvorteil.
Viele Unternehmen schauen nun nicht mehr nur, wie sie nachhaltiger werden können, sondern auch, wie man Nachhaltigkeitslösungen kostengünstiger oder effizienter gestalten kann. Fragen wie „Wie kann ich Energie günstiger herstellen?“ oder „Wie kann ich eine Anlage mit weniger Energiebedarf bauen?“, rücken immer mehr in den Fokus. Technologieumstellungen kommen nicht von heute auf morgen und benötigen eine komplett neue Infrastruktur, deren Aufbau wir durch unsere gezielten Investitionen und branchenübergreifende Marktkenntnis unterstützen wollen.
Für uns in Deutschland ist aktuell auch der gesamte Recyclingbereich von großem Interesse. Wir machen eine interne Studie über Waste Management im Sinne von „Waste to X“ – also zum Beispiel, was man aus Kunststoffabfall machen kann – und haben viele Recyclingprojekte in Planung.

J-BIG: Welche Voraussetzungen sind entscheidend, um Ihren Erfolg in den nächsten Jahren sicherzustellen?
Georg Büllesbach: Dadurch, dass wir sehr diversifiziert aufgestellt sind, hat Mitsui & Co. insgesamt eine solide Basis. Wir haben einen starken Bereich mit den natürlichen Rohstoffen, aus dem wir einen Großteil unserer Gewinne erzielen. Auch wenn wir in neue Felder investieren, ist es wichtig, diese Basis durch solide Geschäftsfelder zu haben, mit denen man sicheres Geld verdienen kann.
Da wir keine Technologie entwickeln und wenig selbst produzieren, sind wir auf Partnerschaften angewiesen. Das Wichtigste ist, dass unser Geschäftsangebot den Bedürfnissen unseres Partners entspricht und unser gemeinsames Geschäft mit den Strategien beider Seiten im Einklang steht. Wir vermeiden Standalone-Bereiche und schauen immer, wie sich neue Geschäftsfelder in unsere Cluster integrieren lassen.
Für uns in Europa ist es essenziell, dass wir neue Geschäftsfelder erschließen. Wir arbeiten daran, unser Portfolio um neue Geschäftsbereiche zu erweitern. Unsere Zusammenarbeit mit der japanischen Zentrale funktioniert sehr gut und durch das Freihandelsabkommen zwischen Europa und Japan ergeben sich für uns vielfältige Möglichkeiten. Durch die führende Position Europas im Bereich der Nachhaltigkeit können wir wertvolle Hilfestellung leisten und nach Kooperationsmöglichkeiten schauen. Hier sehe ich noch viel Potenzial für die Zukunft.



