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NUKEM „In Deutschland wird die Nukleardebatte ideologisch geführt. Japaner sehen das pragmatisch.“

Januar 29, 2026 by Björn Eichstädt und Nina Blagojevic

Das Nuklearunternehmen NUKEM blickt auf 65 Jahre Geschichte in Deutschland zurück – von der Brennelementproduktion in den 1960er Jahren bis zur heutigen Spezialisierung auf Rückbau von Kernkraftwerken und Abfallmanagement. Nach turbulenten Jahren unter russischer Eigentümerschaft wurde das Unternehmen 2024 vom japanischen IT-Unternehmen Muroosystems übernommen. J-BIG sprach mit den NUKEM Executive Officers Thomas Seipolt, und Nobuaki Ninomiya, der auch als COO und Executive Director bei Muroosystems aktiv ist, über die bewegte Geschichte des Unternehmens, kulturelle Einstellungen zur Nukleartechnologie in Deutschland und Japan, und darüber, warum ein IT-Unternehmen wie Muroosystems seine Zukunft in der Kernenergie sieht.

J-BIG: Herr Seipolt, können Sie uns zunächst etwas über die 65-jährige Geschichte von NUKEM in Deutschland erzählen? Wie hat alles begonnen?

Thomas Seipolt: NUKEM wurde 1960 gegründet – „Nuklearchemie und Metallurgie GmbH“ war der ursprüngliche Name. Wir waren eines der ersten deutschen Unternehmen, das im nuklearen Brennstoffkreislauf aktiv war. In den Anfangsjahren ging es dabei vor allem um Brennelementfertigung. Deutschland arbeitete damals an verschiedenen Typen von Kernkraftwerken und benötigte entsprechend unterschiedliche Brennstoffarten. Später kamen Anreicherung und andere Bereiche dazu.

In den 1980er und 90er Jahren waren wir sehr breit aufgestellt – vom Uranhandel über die Bereitstellung von Isotopen bis zu Engineering-Dienstleistungen. 2006 wurde dann NUKEM Technologies als eigenständige Einheit ausgegründet, fokussiert auf Rückbau, radioaktives Abfallmanagement und Engineering. Das war der Beginn der Spezialisierung, die uns heute auszeichnet.

Deutschland, Bayern, Karlstein am Main, 01.09.2025 – NUKEM Technologies für J-BIG President Thomas Seipolt während des Interviews in der Unternehmenszentrale von NUKEM Technologies mit Björn Eichstädt (l) FOTO: MAXIMILIAN VON LACHNER / STORYMAKER Dieses Foto darf nur nach Absprache mit dem Urheber verwendet werden. Die Lieferung erfolgt gemäß meiner AGB(download.maximilianvonlachner.de/AGB.pdf) Um ein Belegexemplar wird gebeten.
J-BIG: Kernenergie hat in Deutschland einen starken Wandel durchlebt  – von der anfänglichen Euphorie für die Zukunftstechnologie bis zum kompletten Ausstieg. Wie hat das Ihr Geschäft über die Jahre beeinflusst?

Thomas Seipolt: Das Unternehmen ist parallel zur deutschen Kernenergiebranche gewachsen und hat sich dann international stark entwickelt. 1960 war Kernkraft ausschließlich eine positiv betrachtete Zukunftstechnologie. Man sah sie als die Möglichkeit, Strom ohne Ende zu einem sehr kleinen Preis zu produzieren. Aber bereits in den 1970er Jahren regte sich in Deutschland deutlicher Widerstand dagegen. NUKEM hat das auch an den Standorten gemerkt. In Hanau, unserm Hauptsitz vor dem Umzug nach Alzenau, gab es massive Demonstrationen gegen das sogenannte „Atom-Dorf“, inklusive der Brennelementefabrik. In Deutschland gab es im Vergleich zu anderen europäischen Nachbarländern die intensivste politische Auseinandersetzung mit dem Thema und einhergehend auch eine starke Ablehnung.

Auch als Konsequenz daraus hat sich unser Geschäft im Laufe der Zeit verändert. NUKEM war in seiner Geschichte über den gesamten Kernbrennstoffkreislauf tätig – mit Ausnahme des Uranabbaus: von der Anreicherung und Verarbeitung  zu Brennelementen für den Einsatz in Kraftwerken bis zur Abfallbehandlung und dem Rückbau. Was viele nicht wissen: In Deutschland finden immer noch fast alle Punkte dieses Kreislaufs statt. Der Fokus von NUKEM liegt derzeit aber auf Abfallbehandlung und auf dem Rückbau von Kernkraftwerken. Das Knowhow aus den Anfängen lebt aber in anderer Form weiter: Graphitkugel-Brennelemente zum Beispiel, ein NUKEM-Patent aus den 60ern, werden jetzt im Bereich der Small Modular Reactors sehr interessant. Das ist für uns ein wichtiges Zukunftsthema.

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J-BIG: Wie kann man sich Ihr Geschäft als Laie vorstellen? Haben sie konkrete Beispiele?

Thomas Seipolt: Nehmen wir Abfallbehandlung, aktuell unser größter Geschäftsbereich. Hier liefern wir spezielle Abfallbehandlungsanlagen, die maßgeschneidert sind für Kernkraftwerke im Betrieb. Ein sehr gutes Beispiel ist unser FREMES-System. Stellen Sie sich ein intelligentes Fließband vor: Material läuft hindurch, wird dabei automatisch auf Radioaktivität gemessen und dann in Echtzeit sortiert. Das System kombiniert radiologische Charakterisierung und automatische Sortierung in einem Schritt. Es kann bis zu 10 Tonnen Material pro Stunde verarbeiten und sortiert automatisch in drei Kategorien: freigabefähig, begrenzt freigabefähig oder radioaktiver Abfall.

Unser wahrscheinlich größtes Projekt in diesem Bereich ist die Sanierung des ehemaligen FBFC-Brennelemente-Standorts in Dessel, Belgien. Dort haben wir etwa 45.000 Tonnen Material verarbeitet und charakterisiert. Das System hat dabei nicht nur die radiologische Messung durchgeführt, sondern auch die komplette Dokumentation für die belgischen Behörden automatisch erstellt. Der Standort wurde 2022 offiziell aus der nuklearen Aufsicht entlassen – von der vollständig bebauten Industrieanlage zur grünen Wiese.

Den Bereich Rückbau bedienen wir entweder in Form von Ingenieurdienstleistungen und Planung. Das heißt wir bieten dem Kunden eine schrittweise Abfolge des Rückbaus, mit detaillierter Beschreibung, wie es zu tun ist, und Spezifikationen für die Ausrüstung. Oder wir übernehmen die tatsächliche Durchführung – schlüsselfertig von der Lizenzierung bis zum abgeschlossenen Rückbau einiger Reaktorteile.

Das jüngste Rückbauprojekt, das wir Ende letzten Jahres abgeschlossen haben, waren vier Reaktordruckbehälter in Schweden – an den Standorten Oskarshamn und Barsebäck mit jeweils zwei Einheiten. Das Projekt lief von 2019 bis 2024 und wurde mit jedem Reaktor effizienter, da wir kontinuierlich aus den Erfahrungen gelernt haben. Wir haben einen parallelen Arbeitsablauf etabliert: Während die Vorzerlegung der nächsten Komponente bereits beginnt, wird die zuvor bearbeitete noch nachzerlegt. Dieses mobile Geschäftsmodell – mit demselben Team und derselben Ausrüstung von einer Baustelle zur anderen zu ziehen – könnte der Standard für künftige Rückbaumärkte werden.

J-BIG: Spannende Themen – doch wie passt das zu einem japanischen IT-Unternehmen wie Muroosystems, das NUKEM letztes Jahr übernommen hat?

Nobuaki Ninomiya: Als IT-Unternehmen ist es für uns extrem wichtig, über die Zukunft der Energie nachzudenken. Bei Muroosystems und zuvor bei meinem alten Arbeitgeber SoftBank habe ich direkt erlebt, welche unfassbaren Mengen Energie nötig sein werden, um die Technologien der Zukunft möglich zu machen – denken Sie an KI, Cloud-Dienste oder etwa die Blockchain. Bitcoin ist aktuell die Nummer 26 beim Stromverbrauch weltweit mit 0,2 Prozent. Ethereum ist ähnlich, Tendenz steigend. Deshalb haben IT-Unternehmen in der letzten Zeit strategisch begonnen, Wasser- und Kernkraftwerke zu erwerben. Natürliche oder erneuerbare Energie ist wichtig für die nächste Blockchain- und IT-Generation. Das haben wir auch bei Muroosystems erkannt.

In Kirgisistan arbeiten wir beispielsweise mit der Regierung an der Etablierung von Wasserkraft, in Äthiopien liegt der Anteil and Wasserkraft am Energiemix bereits bei 80 Prozent. In Japan werden derzeit etwas mehr als fünf Prozent des Stroms durch Kernkraft erzeugt, der Rest hauptsächlich durch Kohle und Erdöl. Das muss sich ändern. NUKEM hat die Expertise, um sowohl neue Reaktoren zu unterstützen als auch alte Anlagen sicher zurückzubauen. Diese Kombination ist selten und war für uns sehr attraktiv.

Thomas Seipolt: An dieser Stelle darf ich kurz ergänzen, was wir aktuell im Bereich neuer Reaktortechnologien machen. Ich hatte bereits Small Modular Reactors erwähnt – SMRs sind ein Game Changer für die Nuklearindustrie. Sie sind kleiner, flexibler, schneller zu bauen und potenziell sicherer als konventionelle Großreaktoren. Mit dem aktuellen Interesse an Small Modular Reactors wird auch unsere Expertise in der Brennstofffertigung wieder relevant, etwa bei TRISO-Brennelementen für Hochtemperaturreaktoren. NUKEM hat diese Technologie bereits in den 60er bis 80er Jahren entwickelt und produziert – für Reaktoren wie den AVR in Jülich oder den THTR in Hamm. Dieses Know-how ist nie verloren gegangen. Wir sind einer der wenigen Akteure weltweit, die diese Technologie beherrschen.

Für uns bedeutet das: Wir können unser Know-how in der Brennelementfertigung, im Engineering und später auch im Rückbau einbringen. SMRs werden in den nächsten 10 bis 20 Jahren ein wachsender Markt sein, und wir wollen da von Anfang an dabei sein.

Björn Eichstädt möchte mehr über die ungewöhnliche Übernahme durch ein japanisches IT-Unternehmen erfahren.
NUKEM sieht großes Zukunftspotenzial für Small Modular Reactors.

J-BIG: Für Muroosystems also eine Investition in die Zukunft. Wie ist NUKEMs Blick auf die Übernahme?

Thomas Seipolt: Vor der Übernahme durch Muroosystems hatten wir einen russischen Eigentümer: NUKEM gehörte seit 2013 zu ROSATOM, dem russischen Staatskonzern. Das war damals eine logische Entscheidung: ROSATOM ist einer der größten Akteure in der globalen Nuklearindustrie. Wir haben von diesem Netzwerk profitiert und hatten Zugang zu internationalen Projekten, vor allem in Osteuropa und Asien.

Doch als 2022 der Ukrainekrieg begann, änderte sich das dramatisch. Als deutsche GmbH waren wir zwar nicht direkt von den Sanktionen betroffen, aber viele westliche Kunden konnten oder wollten nicht mehr mit einem Unternehmen in russischem Staatsbesitz zusammenarbeiten. Neue Aufträge blieben aus, neues Geschäft zu entwickeln wurde praktisch unmöglich. Die Belegschaft schrumpfte von zeitweise über 120 Mitarbeitern auf weniger als 100, und Besserung war nicht in Sicht.  Für NUKEM war es daher ein notwendiger Schritt, diese Eigentümerschaft zu wechseln. Wir sind sehr froh, dass wir mit Muroosystems einen Eigentümer gefunden haben, der nicht nur finanzielle Stabilität sichert, sondern auch unsere Vision von der Zukunft der Kernenergie teilt.

Nobuaki Ninomiya: Die Betrachtung bei Muroosystems ist wie folgt: bei jeden potenziellen Geschäft gibt es zwei Risiken: Einerseits besteht natürlich das Risiko, dass sich das Investment in NUKEM nicht auszahlt. Diese Gefähr kann man nie völlig ausschließen. Aber auf der anderen Seite steht ein anders Risiko, nämlich dass wir in ein paar Jahren zurückschauen und bereuen, diese Chance nicht ergriffen zu haben. Nachdem wir einen Einblick in die Kompetenzen und Stärken von NUKEM bekommen hatten, erschien uns das das größere Risiko.

Thomas Seipolt: Wir sind beide der festen Überzeugung, dass unsere Expertise im Beriech Kernkraft eine perfekte Ergänzung für das Portfolio von Muroosystems ist. Bei NUKEM sind wir deshalb froh, einen Eigentümer gefunden zu haben, der nicht nur finanzielle Stabilität zurückbringt, sondern auch unseren Blick auf die Zukunft der Nuklearindustrie teilt.  

Die Expertise von NUKEM im Beriech Kernkraft haben Muroosystems zur Übernahme bewegt, verrät Nobuaki Ninomiya.
J-BIG: Der Wechsel von einem russischen zu einem japanischen Eigentümer ist sicher auch kulturell eine große Veränderung. Wie läuft die Zusammenarbeit auf dieser Ebene?

Nobuaki Ninomiya: Muroosystems ist ein sehr internationales Unternehmen, ich war also schon in vielen Ländern geschäftlich unterwegs. Aber wenn es um Qualität geht, sticht Deutschland ganz klar heraus. Ich respektiere sehr das logische Denken und die Präzision, die sich auch in deutschen Marken wie Porsche oder BMW widerspiegelt. Ich liebe diese Autos. Die Deutschen ticken in meiner Erfahrung ähnlich: Sie legen Wert auf Logik und Zahlen und weniger auf die interpersonale Ebene. Das ist in Japan sehr anders. Und dann gibt es natürlich andere Unterschiede: Für mich als Japaner war es zum Beispiel sehr überraschend, wie viele Feiertage es in Deutschland gibt! Diese Details machen die Zusammenarbeit nicht immer einfach. Aber sobald wir uns auf diese unterschiedlichen Arbeitskulturen eingestellt haben, läuft es super. Das ist zumindest mein Eindruck.

Thomas Seipolt: NUKEM setzt fast 80 Prozent der operativen Leistung im Ausland um, in vielen unterschiedlichen Ländern. Mehr als ein Viertel unserer Mitarbeiter hat keinen deutschen Pass oder ist außerhalb Deutschlands aufgewachsen. Wir sind es als sehr gewohnt, mit anderen Kulturen und Ländern zu kooperieren. In Deutschland ist die Geschäftskultur sehr direkt – neben der Schweiz sind wir führend, was das angeht. In Japan geht es viel mehr darum, zwischen den Zeilen zu lesen. Diese Unterschiede haben uns nicht überrascht, aber man muss sie richtig navigieren. Dazu haben wir beispielsweise im Intranet eine Reihe von Veröffentlichungen zu den Besonderheiten der japanischen Kultur und Geschichte veröffentlicht. Das hat in der Belegschaft großen Anklang gefunden.

Zudem haben Nobuaki-san und eine Reihe von Muroosystems-Ingenieuren einige Monate hier bei uns in Deutschland verbracht, um sich kennenzulernen, und technische Fragen mit den Kollegen hier in Deutschland zu diskutieren. Das war sehr erfolgreich: Das Wissen und die Erfahrungen wurden mit nach Japan ins Headquarter genommen. Und auf operativer Ebene sprechen die Menschen, die ähnliche Jobs auf beiden Seiten machen, täglich miteinander. Wir waren neugierig aufeinander – und sind es immer noch.

J-BIG: Erstrecken sich diese kulturellen Unterschiede auch darauf, wie Nukleartechnologie in der breiten Masse wahrgenommen wird?

Thomas Seipolt: Die Situation der Nuklearindustrie in Deutschland ist ziemlich einzigartig. Nach der Katastrophe in Fukushima haben eine Reihe von Ländern ihren Austritt aus der Atomtechnologie verkündet – aber nur Deutschland hält bis heute daran fest. Die Schweden haben beschlossen, wieder in die Kernenergie einzusteigen, die Italiener erwägen es zumindest. Hintergrund ist die Erkenntnis, dass die CO2-Emissionen nicht allein durch erneuerbare Energien ausreichend gesenkt werden können. Kernenergie bleibt hier aus unserer Sicht ein unverzichtbarerer Baustein.

In Deutschland wird die Nukleardebatte ideologisch geführt. Hintergrund war historisch eigentlich ein Widerstand gegen die Möglichkeit eines Atomkrieges – daraus wurde dann ein Kampf gegen Atomkraft generell. Diese emotional aufgeladene Diskussion ist mir in keinem anderen Land bekannt – auch nicht in Japan. Dabei hat das Land Atombombenabwürfe und eine wirkliche Nuklearkatastrophe erlebt.

Die Japaner sind aber trotzdem nicht komplett ausgestiegen, sie sehen das pragmatisch. Soweit ich mich erinnere, besitzt das Land 54 Kernkraftwerke. Einige davon wurden nach Fukushima stillgelegt, aber das war keine Entscheidung gegen Nuklearenergie, sondern eine Entscheidung für einen sichereren Nuklearbetrieb der bestehenden Anlagen. Es gab ein Memorandum, um herauszufinden, ob die Anlangen gut genug für Naturkatastrophen gerüstet sind. Es war nie eine ernsthafte Option, Atomkraft für immer einzustellen. Die Japaner wollen die alten Kernkraftwerke, die das Ende ihrer Betriebszeit erreichen, durch effizientere mit neueren Technologien ersetzen – sicherer, effizienter und einfacher zu bedienen.

Muroosystems und NUKEM – auch eine kulturelle Begegnung.
Die breite Masse in Deutschland und Japan haben unterschiedliche Ansichten zur Kernenergie.

J-BIG: Herr Ninomiya, was ist Ihre Perspektive als Japaner? Warum ist Japan trotz der schlimmen Erfahrungen offen für Nukleartechnologie?

Nobuaki Ninomiya: Mit den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki und der Nuklearkatastrophe in Fukushima hat Japan vermutlich mehr traumatische Erfahrungen mit Kernkraft als jedes andere Land. Ich selbst bin in Hakata geboren, nicht weit entfernt von Nagasaki. Ich denke oft daran, dass ich heute nicht hier wäre, wenn die Bombe einen etwas anderen Kurs genommen hätte.

Trotzdem blicken die Japaner, wie Thomas Seipolt richtig sagte, ganz pragmatisch auf das Thema Atomkraft. Japan ist ein Inselstaat mit vielen Bergen. Es gibt keine großen Öl- oder Kohle-Vorkommen. Das bedeutet, wir haben keine natürlichen Energieressourcen. Und die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hat Japan gelehrt, wie prekär unsere Lage ist, wenn wir auf Energieimporte aus dem Ausland angewiesen sind.  

Nach der Tragödie in Fukushima wurden einige Kernkraftwerke abgestellt, derzeit sind 22 Reaktoren in Japan suspendiert. Aber suspendiert bedeutet nicht ausgeschaltet – diese Reaktoren laufen im Leerlauf weiter. Sie produzieren also 20 bis 30 Prozent der Kosten, ohne dafür Energie zu liefern. Es gibt also einen industriellen und monetären Druck, Kernkraftwerke Schritt für Schritt zu reaktivieren. Die Alternative wäre, weiterhin Erdöl und Gas aus anderen Ländern kaufen zu müssten – und das möchte Japan um jeden Preis vermeiden. Das ist eine völlig andere Situation als in anderen Ländern. Kernenergie ist für uns nicht nur ein Exportinstrument, sondern eine Frage der nationalen Sicherheit. 

Die deutsch-japanische Partnerschaft wirkt sich in verschiedenen Bereichen positiv auf das Geschäft von NUKEM aus.
J-BIG: Wie sehen Sie vor diesem Hintergrund die Zukunft von NUKEM?

Nobuaki Ninomiya: Wir haben einen klaren Drei-Stufen-Plan: Im ersten Schritt geht es erstmal um die Konsolidierung und Stabilisierung des bestehenden Geschäfts. Hier müssen wir bestehendes wieder aufbauen, aber auch aufholen mit den neuesten Anforderungen, die sich beispielsweise durch den Einsatz von KI seit Beginn des Ukrainekriegs ergeben haben. Dabei fokussieren wir uns auf unsere Kernmärkte Deutschland, Schweiz und Skandinavien und bauen die bestehende Kundenbasis wieder auf.

In der zweiten Stufe möchten wir die Expansion vorantreiben, in Europa und vor allem in Süd-Ost-Asien. In Japan gibt es bereits eine Handvoll etablierter Player in diesem Bereich, aber Märkte wie Taiwan und Südkorea haben noch viel Potenzial.

Die dritte Stufe befasst sich eher mit dem Ausbau unseres bisherigen Portfolios. Wir denken zum Beispiel darüber nach, unsere Expertise in der nuklearen Abfallentsorgung auch auf chemische Abfälle auszuweiten. Konkret möchten wir außerdem das Geschäft rund um TRISO und SMR weiterentwickeln und zu einem wichtigen Teil der Gesamtstrategie machen. Aber das ist aber ein Thema für die nächsten Jahre – erstmal geht es darum, das Bestandsgeschäft wiederzubeleben und die Insolvenz hinter uns zu lassen.

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Thomas Seipolt: Dieser Schritt läuft bereits auf Hochtouren. Viele unserer Kunden signalisierten uns, dass sie gerne das Geschäft wieder aufnehmen würden, jetzt wo wir einen neuen Eigentümer haben. Sie hatten ganz deutlich gemacht, dass nicht NUKEM das Problem war, sondern die russische Eigentümerschaft. Daran arbeiten wir gerade, und die Entwicklung ist positiv. Auch die Mitarbeiterzahl ist wieder gestiegen. 

Und auch im Bereich der Small Modular Reactors sehen wir uns gut aufgestellt. Wir glauben an das SMR-Geschäft, aber noch ist nicht entschieden ist, wer den Wettbewerb gewinnen wird. Es gibt mehr als 300 SMR-Projekte weltweit, und niemand kann sagen, wer die 10 Unternehmen sein werden, die am Ende den Markt dominieren werden. Aber: Etwa 30 Prozent aller SMR-Projekte basieren auf der TRISO-Partikeltechnologie – und wir sind eines der wenigen Unternehmen weltweit, die Referenzen und Erfahrungen in diesem Bereich haben. Es gib also allen Grund, optimistisch zu sein.

Nobuaki Ninomiya: Wir haben einen klaren Plan, wo die Reise hingehen soll. Aber wie bei jeder Reise werden wir sicherlich auf dem Weg Dinge finden, die wir so nicht erwarten haben. Wir müssen also offen dafür bleiben, die Route neu zu planen. Nicht alles ist vorhersehbar – aber das macht die Reise ja erst so spannend. 

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