FANUC ist der weltweit führende Anbieter von CNC-Steuerungen, Industrierobotern und Automatisierungstechnik. Das japanische Unternehmen blickt auf eine fast 70-jährige Geschichte zurück – geprägt von visionärer Ingenieurskunst, konsequenter Automatisierung und enger globaler Zusammenarbeit mit Konzernen wie General Motors und Siemens. J-BIG sprach mit Ralf Winkelmann, Geschäftsführer der FANUC Deutschland GmbH, über die pionierhafte Gründerfigur Dr. Seiuemon Inaba, den Aufstieg vom Nischenanbieter zum Global Player – und über die Chancen für Deutschland im Zeitalter industrieller Transformation.
J-BIG: FANUC war ursprünglich eine Abteilung in der Firma Fujitsu. Wie kam es zur Ausgründung?
Ralf Winkelmann: Richtig, FANUC wurde ursprünglich als Teil von Fujitsu ins Leben gerufen und damals von Dr. Seiuemon Inaba geleitet. In der Phase des intensiven Wirtschaftswachstums in Japan ab 1955 befasste sich Inaba dort intensiv mit mechanischen Systemen, mit der Vision, in den Markt für Servotechnik und elektrische Antriebe vorzustoßen.
1972 wurde aus diesem Wachstumsfeld ein unabhängiges Unternehmen: die Fujitsu FANUC Ltd. Inaba war ein Pionier – insbesondere, wenn es darum ging, Servotechnik, mit CNC-Technologie, also automatisierter Steuerungstechnik, zu kombinieren. Damals wurde mechanische Bewegungen hauptsächlich durch Hydraulik realisiert, was jedoch einige Nachteile mit sich brachte. FANUC entschied sich daher frühzeitig, auf elektronische Servostellmotoren umzustellen – ein bedeutender technologischer Fortschritt.

J-BIG: Wofür wurde Servotechnik damals eingesetzt, und wie hat sich die Technologie weiterentwickelt?
Ralf Winkelmann: Zunächst entwickelte FANUC CNC-gesteuerte Servomotoren für Werkzeugmaschinen, etwa Fräs- und Bohrmaschinen. Schon bald kamen die ROBOCUT-Drahterodiermaschinen hinzu, die zur präzisen Metallbearbeitung eingesetzt wurden. Eigene Roboter setzen wir in der eigenen Fertigung erstmals 1974 ein – damals noch nicht für den Verkauf gedacht, sondern ausschließlich zur Automatisierung der Produktionsprozesse. Als wir sahen, wie gut das funktionierte, begannen wir 1977 mit dem Verkauf und bald auch Export.
Das Robotikportfolio wurde daraufhin systemtisch ausgebaut. Ein wesentlicher Entwicklungsfortschritt war die Zusammenarbeit mit General Motors. GM nutzte zu diesem Zeitpunkt sehr viele hydraulische Roboter und erkannte schnell, dass die eigene Kernkompetenz im Automobilbau und nicht der Entwicklung von Produktionssystemen lag. 1982 gründeten wir deshalb das Joint Venture GMFanuc Robotics Corporation, um gemeinsam Roboter zu entwickeln. Anfangs hielt GM die Mehrheit, später übernahm FANUC die Anteile vollständig. Das war dann die zweite Stufe für unsere eigene Roboterentwicklung.
J-BIG: Was war der Auslöser dafür, dass FANUC schon in den 1970er-Jahren seine eigene Produktion automatisierte – zu einer Zeit, als Fachkräftemangel noch kein Thema war?
Ralf Winkelmann: Das war ganz klar Inabas visionärem Denken zu verdanken – und diese Denkweise prägt das Unternehmen bis heute. FANUC-Produkte sollen so konzipiert sein, dass sie automatisch gefertigt werden können. Das hob die Produktentwicklung auf ein völlig neues Level und machte den Produktionsprozess selbst zum Teil der Produktentwicklung.
Inaba setzte dieses Konzept konsequent um – merkte aber, dass es gar keine Produktionsmittel gab, um das zu realisieren. Es war daher nur logisch, die eigenen Produkte so weit zu entwickeln, dass sie sich automatisiert fertigen ließen. Unsere Leitprinzip „weniger Teile“ spiegelt diese Entwicklung wider. Das Ziel war und ist es, mit möglichst wenigen Teilen das beste Produkt zu bauen. Einerseits, weil es dadurch wartungsfreundlicher ist, andererseits, weil es sich besser automatisiert produzieren lässt.
Die Geschäftsentwicklung verlief zunächst eher schleppend – FANUCs großer Durchbruch kam mit den Robotern, die in der Automobilindustrie in großen Stückzahlen eingesetzt wurden. Dieser Aufschwung begann im Laufe der 1980er Jahre und setzte sich – trotz mancher Krisen – auch in den 1990ern fort. Das veranlasste FANUC, massiv in die Automatisierung der eigenen Fertigung zu investieren. Das Ergebnis waren in den 1990er Jahren die ersten vollständig autonom betriebenen Produktionen, auch „dunkle Fabriken” genannt.

J-BIG: Wie fand FANUC seinen Weg nach Deutschland und Europa?
Ralf Winkelmann: Inaba hat früh erkannt, dass selbst ein exzellentes Produkt allein nicht ausreicht – es braucht immer auch eine Organisation, die den Kunden vor Ort betreut. Daraus entstand unser „Service First“ Ansatz: Dort, wo unsere Kunden sind, sind auch wir. Meiner Kenntnis nach war der erste europäische Aufschlag tatsächlich in Bulgarien in den 1960er Jahren, jenseits des Eisernen Vorhangs. Ein Kunde setzte dort eine Werkzeugmaschine mit FANUC-Steuerung und -Antrieben ein.
Kurz darauf folgte Deutschland, was auch an der damaligen engen Zusammenarbeit mit Siemens lag. FANUC war in Servotechnik und CNC maktdominant, Siemens begann deshalb, unsere Produkte zu vertreiben. 1976 wurde in Erlangen die FANUC Service GmbH gegründet – der erste offizielle Schritt nach Deutschland.
J-BIG: Wie entwickelte sich die deutsche Organisation danach weiter?
Ralf Winkelmann: In der Anfangszeit gab es mehrere parallele Entwicklungen. 1980 wurde aus der FANUC Service GmbH die FANUC Germany GmbH und der Sitz nach Hilden verlegt. 1986 gründeten wir mit General Electric das Joint Venture GE Fanuc Automation GmbH in Frankfurt, da FANUC keine eigene SPS, also speicherprogrammierbare Steuerung, hatte. GE brachte das nötige Know-how ein.
1992 zogen wir von Hilden nach Neuhausen bei Stuttgart, da die meisten Kunden im süddeutschen Raum ansässig waren – ein logischer Schritt angesichts der Maschinenbauhochburgen im Süden. Auch das Joint Venture mit GE wurde 1995 dorthin verlegt.
Anfang der 2010er Jahre wurden dann alle Geschäftsaktivitäten in Japan unter einem Dach gebündelt, um Kunden einen zentralen Ansprechpartner bieten zu können. 2013 wurde die FANUC Europe Corporation gegründet und anschließend alle Landesgesellschaften sukzessive fusioniert. Seit 2015 ist die FANUC Deutschland GmbH für den hiesigen Markt zuständig – derzeit unter meiner Leitung.

J-BIG: Wie ist FANUC heute in Deutschland aufgestellt?
Ralf Winkelmann: Unser Hauptsitz in Neuhausen umfasst rund 500 Mitarbeitende. Hier befindet sich nicht nur die FANUC Deutschland GmbH, sondern auch die FANUC Europe GmbH, die den Support für andere europäische Länder leistet. Darüber hinaus betreiben wir Standorte in Wörth-Wiesent bei Regensburg, in Meinerzhagen bei Köln und in Seevetal bei Hamburg.
Jede dieser Niederlassung bildet alles ab, was wir in Neuhausen haben – nur in einem kleineren Maßstab: technischer Support, Service, Showroom und Trainingsmöglichkeiten. Damit setzen wir unseren „Service First“-Gedanken konsequent um – wie schon in den 1950er-Jahren.

J-BIG: Die Partnerschaft mit Siemens endete in den 1980er Jahren. Was bedeutete das für das Geschäft in Deutschland?
Ralf Winkelmann: Aufgrund eines Eingriffs des Kartellamts fing Siemens zu Beginn der 80er Jahre an, eigene CNC-Steuerungen auf den Markt zu bringen, statt FANUC Produkte zu verkaufen. Diese Entwicklung stellte einen entscheidenden Wendepunkt dar und führte dazu, dass FANUC seine Vertriebs- und Supportstrukturen in Europa neu aufstellen musste. Die Ressourcen von Siemens standen nicht mehr zur Verfügung. Gleichzeitig gewann die Robotik enorm an Bedeutung – gerade in hochindustrialisierten Ländern wie Deutschland, wo Industrieroboter schnell auf großes Interesse stießen.
J-BIG: Wer gehörte zu den ersten großen Kunden?
Ralf Winkelmann: Ganz klar General Motors Europe. GME und FANUC waren aufgrund ihrer Geschichte eng verbunden; als Early Adopter setzte GM bereits in den 1980er Jahren FANUC-Roboter ein. Ab den 2000ern verwendete GM sogar ausschließlich Roboter von FANUC. Zu diesem Zeitpunkt waren unsere Kunden vorrangig in der Automobilindustrie angesiedelt, mit GME an der Spitze.
Der entscheidende Durchbruch in Deutschland kam, als wir Volkswagen als Kunde gewinnen konnten. Das erste Projekt realisierten wir 1999, ein größeres folgte 2002/03. Der wichtigste Meilenstein kam aber erst 2010, als FANUC erstmals einen Auftrag über mehrere Tausend Roboter aus der deutschen Automobilbranche bekam.

J-BIG: Was waren die wichtigsten Wachstumstreiber für FANUC?
Ralf Winkelmann: Man kann zwei große Treiber sehen: Erstens die Automobilindustrie mit ihren großen Stückzahlen und zweitens die Elektronikfertigung. Handy- und Laptop-Hersteller in China begannen plötzlich, ihre Produktion zu automatisieren – ähnlich wie bei uns die Autohersteller. In der Elektronikbranche standen weniger die Roboter im Mittelpunkt, sondern vielmehr unsere ROBOMACHINES W– speziell die ROBODRILLs. Diese Maschinen waren ideal für schnelle, kosteneffiziente Fertigung in großen Stückzahlen. Und FANUC konnte dank seiner automatisierten Fertigung genau das liefern.
J-BIG: Wie steht FANUC heute global da?
Ralf Winkelmann: Wir liegen bei rund fünf Milliarden Euro Umsatz und beschäftigen mehr als 9.000 Mitarbeiter. Besonders spannend ist aber das Wachstum der installierten Basis: Für die ersten 500.000 Roboter haben wir 25 Jahre gebraucht – für die nächsten nur noch ein paar Jahre. Die Zeiträume, in denen sich die installierte Basis verdoppelte, wurden immer kleiner. Wir haben längst den millionsten Roboter ausgeliefert und über fünf Millionen CNC-Einheiten gefertigt. Weltweit unterhält FANUC mehr als 270 Niederlassungen, die über 100 Länder betreuen.

J-BIG: Wie beurteilen Sie den aktuellen deutschen Markt in Zeiten industriellen Wandels?
Ralf Winkelmann: Der Markt ist zweifellos im Umbruch. Die deutsche Automobilindustrie und der Maschinenbau – bisher das industrielle Herzstück des Landes – stehen unter Druck. Aber ich sehe das auch als Chance. Viele Unternehmen nutzen diesen Moment, um sich neu aufzustellen und alte Strukturen zu hinterfragen. Das ist wichtig, denn jahrelanger Erfolg kann auch zur Selbstzufriedenheit führen.
Aufgrund der geopolitischen Unsicherheiten werden die Karten allerdings derzeit neu gemischt. Die Unsicherheiten in den USA und China machen Europa für Unternehmen zu einer relativ sicheren Investitionsstandort. Auch wenn wir uns aktuell in einer herausfordernden Phase befinden: Die Perspektive ist positiv.
J-BIG: Wo sehen Sie Wachstumspotenziale in den nächsten fünf Jahren?
Ralf Winkelmann: Ich erwarte, dass sich die Industrie bis 2030 strukturell nicht drastisch verändert – zumindest in den Bereichen Automobilbau, Anlagen- und Maschinenbau. Aber es werden sicher neue Produkte und Fertigungstechnologien entstehen. Als klaren Wachstumsmarkt sehe ich die Automatisierung in Bereichen, die bisher einen hohen manuellen Aufwand erforderten. Beispiele sind die Endmontagen in Automobilwerken, Luftfahrt, die Pharma- und Lebensmittelbranche und sogar das Handwerk.
Dank kollaborativer Robotik und KI-gestützter Systeme können wir heute Prozesse effizient automatisieren, die bis vor kurzem als nicht automatisierbar galten. Gerade angesichts des Fachkräftemangels werden solche Lösungen immer wichtiger.

J-BIG: Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit dem japanischen Headquarter?
Ralf Winkelmann: Alle Kernprodukte stammen nach wie vor aus Japan. Inaba legte großen Wert darauf, dass die Entwicklung und die Fertigung eng verzahnt sind, um sicherzustellen, dass Produkte von Beginn an automatisiert hergestellt werden können. An dieser Strategie hat sich nichts geändert, und das hat sich bewährt: Als vor drei oder vier Jahren in der Corona-Zeit Probleme in den Lieferketten auftraten, war FANUC in der Lage, die Produktion in Japan in kürzester Zeit umzustellen, sodass nicht verfügbare Bauelemente ersetzt werden konnten. Das ist nur möglich, wenn Entwicklung und Produktion eng zusammenarbeiten.
Organisatorisch sind wir in Deutschland sehr eigenständig. Innerhalb der von der FANUC Europe Corporation gesetzten Rahmen entscheiden wir eigenverantwortlich und relativ frei über unsere Geschäftsentwicklung. Bei Investitionen erfolgt eine enge Abstimmung mit der FANUC Europe Corporation. Abstimmungen und Reflektionen der Geschäfts- und Marktentwicklung finden in systematischen Meetings mit dem europäischen und japanischen Management statt.
Japan ist dafür bekannt, dass man stark in eigenen Strukturen arbeitet. Diese Barrieren zu überwinden ist für viele Unternehmen sehr schwer – aber nicht für FANUC. Seit seinen Anfängen setzt FANUC auf internationale Partner und ausländische Märkte. Die technologischen Wünsche europäischer – und insbesondere deutscher – Kunden finden auch bei unserm Headquarter immer Gehör.
Dank unseres Expat-Programms haben wir außerdem einen schnellen und direkten Draht nach Japan. Unsere japanischen Kollegen verbringen mehrere Jahre in Europa und bringen die lokalen Perspektiven ins Headquarter zurück. Aktuell dürfen wir die vierte Generation von Expats bei uns begrüßen. Das stärkt das gegenseitige Verständnis enorm. Eine sehr schöne Entwicklung, wie ich finde.

J-BIG: Welche Rolle spielt die Gründerpersönlichkeit Seiuemon Inaba heute noch im Unternehmen?
Ralf Winkelmann: Inaba war eine starke Führungspersönlichkeit mit einer klaren Vision für die Zukunft von Robotik und Steuerungstechnik. Um diese umzusetzen, galt und gilt bei FANUC ein enorm hoher Qualitätsanspruch. Das hatte auch zur Folge, dass die Fehlerkultur bei FANUC früher sehr streng war: Fehler wurden nicht verziehen und durften keinesfalls zweimal gemacht werden.
Aus heutiger Perspektive klingt das sehr harsch, aber ältere Mitarbeiter, die diese Zeit selbst erlebt haben, betonen vor allem die positiven Seiten: Man wurde motiviert, sich selbst zu reflektieren, zu fokussieren und dadurch effizienter zu arbeiten. Das Prinzip, aus Fehlern zu lernen und sie nicht zu wiederholen, besteht auch heute noch, wenngleich die Fehlerkultur weniger rigide ist.

J-BIG: Gibt es ein Ziel, das Sie persönlich mit FANUC Deutschland noch erreichen möchten?
Ralf Winkelmann: Ganz klar: Ich will mit FANUC in allen Bereichen, Robotik, Maschinen und Steuerungen, die Nummer 1 am Markt werden.



